Wie viel Politik verträgt Freundschaft? #FragenFreitag

März 17, 2017
freundschaft
WENN FREUNDSCHAFT OPFER DER POLITIK WIRD

Im ersten Monat meines Volos war zuerst der Schulungsblock an der Reihe, bevor es in die Redaktionen ging. Ein kleiner Teil davon war die Recherche. Dort zeigte man uns die Funktion facebooks, dass, wenn man die Plattform auf die englische Sprache umstellt, die Suchfunktion eine völlig andere als im Deutschen ist. „People who work near by“ war nur eine der ersten Suchanfragen, die wir belustigt starteten. Doch die anfängliche Euphorie über das neue Tool verflog schnell. Bald wurde uns klar, was man damit alles anstellen und vor allem herausfinden konnte: „Apps used by my friends“, „Photos of [Person A] liked by [Person B]“ und „Local events this weekend attended by friends of my friends who are females and who are single“ eröffneten uns völlig neue Stalker-Qualitäten. Dann war das Ganze schon gar nicht mehr so lustig. Und plötzlich wurde das ganze Spektakel mit einem Mal politisch: Irgendjemand kam auf die Idee nach „friends who like AFD“ zu suchen. Und wir schauten gespannt auf unser aller Bildschirme… (Wer noch mehr Suchvorschläge finden möchte, schaut mal auf wollmilchsau.de vorbei)

WIE REAGIEREN?

Und ja, einer meiner Freunde hatte die Seite mit „Gefällt mir“ markiert. Ein Schulfreund, der auch als Student in der Burschenschaft war. Einer Burschenschaft, der nachgesagt wurde, rechts zu sein. Und ja, als dieser eine Freund als Sympathisant der AFD in meiner Timeline aufploppte, habe ich mit dem Gedanken gespielt, ihn nur wegen dieses einen Likes aus meiner Freundesliste zu entfernen.  Schlussendlich habe ich es nicht getan.

Dieser Freund ist seit langem schon nicht mehr in meinem Dunstkreis, außer eben auf facebook. Wir sind keine Freunde, er war ein Schulkamerad, früher zu meinen Kindergeburtstagen eingeladen. Wenn ich ihn in meiner Heimatstadt sehe, begrüße ich ihn trotzdem weiterhin freundlich und frage, wie es so läuft. Über Politik haben wir uns beide nie groß unterhalten. Man kennt seine gegenseitigen Ansichten, teilt sie jedoch nicht. Ein Grund, warum wir nie Freunde geworden sind.

Trotzdem ignoriere ich ihn auf der Straße nicht, ich verachte ihn nicht und auch aus der Freundesliste habe ich ihn nicht entfernt. Weil ich denke, dass bei dieser konkreten Person andere Faktoren eine Rolle spielen, weswegen er dieses Weg wählt. Er ein Zuhause sucht und es noch nicht gefunden hat. Weil er kein Extremist ist. Wäre er es – ich würde nicht eine Sekunde mit der Wimper zucken. Ich kann seine Ansichten nicht verstehen, selbst wenn er versucht, sie mir erklären zu wollen. Aus Neugierde habe ich heute – 6 Monate nach der ersten Suche – erneut geschaut, welcher meiner Freunde die AFD unterstützt. Es gab kein Ergebnis.

Meine Freunde hingegen teilen so ziemlich die gleichen politischen Ansichten wie ich, ich musste also nie hitzige Diskussionen über Innen- und Außenpolitik führen. Klar, gibt es manche Diskussionen bei denen wir uns nicht ganz einig werden. Das verhält sich jedoch im gesunden Rahmen. Was aber, wenn die Freundschaft maßgeblich durch Politik beeinflusst wird? Und das negativ?

PLURALISMUS IST POSITIV

Eine politische Meinung kann aber auch eine gemeinsame Vertrauensbasis sein. Beide haben das Gefühl, sich in die gleiche Richtung zu bewegen, nichts entzweit einen. Gemeinsame politische Meinungen machen es einfach, sich zu verstehen. Was aber, wenn zwei nicht die gleichen Ansichten vertreten? Das ist der Punkt an dem es kompliziert wird.

Haben zwei Freunde nicht die gleiche politische Meinung, kann das auch eine Chance sein. Eine Chance sich gegenseitig neue Ansichten näher zu bringen, Grenzen zu lockern und neuen Ideen gegenüber weltoffener zu sein. Nicht immer in Friede-Freue-Eierkuchen-Laune alles Gesagte abzunicken. Es geht nicht länger darum, im gleichen Team zu sein, sondern gemeinsam zusammen sein zu wollen, OBWOHL man im anderen Team spielt. Doch wenn die Meinungen extrem auseinander gehen, wird das immer schwieriger. Wenn sich die Freunde in fragwürdigen Organisationen engagieren, sich gegen die Menschlichkeit aussprechen und keine Toleranz mehr kennen, ist das für mich die Grenze.

Auch problematisch kann es werden, wenn politische Themen die Freundschaft dominieren. Es kein anderes Thema gibt, oder Politik nicht Thema sein darf. Weil eine Person dicht macht, sobald es um Politik geht, wegen einer gegensätzlichen Meinung oder gar keiner. Jemand ständig Streit und die Diskussion sucht, über ihre neueste Demonstration sprechen und einen missionieren will.

Ich verstehe es, wenn man mit Freunden politische Diskussionen meidet. Man belastet die Freundschaft nicht weiter. Trotzdem will ich die Ansichten meiner Freunde kennen. Will wissen, wofür sie einstehen, welche Überzeugungen sie haben. Schließlich ist es Teil ihrer und meiner Persönlichkeit. Aber es ist auch völlig in Ordnung nicht jeden Sonntag den neuesten politischen Klatsch durch zu diskutieren.

POLITIK KANN ENTFREMDEN

Sobald Politik die Freundschaft also erschwert, ist das ein Zeichen dafür, sie zu überdenken. Hält die Freundschaft die Belastungen aus? Lohnt es sich? Will man das für sich selbst? Ich kann sagen, wenn es mal knallt, dann nicht sofort die Flinte ins Korn werfen. Lasst ein bisschen Zeit ins Land gehen und setzt euch später noch einmal zusammen. Sind die Lager jedoch soweit entzweit, dass es kein Zurück mehr gibt, dann muss auch das akzeptiert werden. Klar ist das traurig um die Freundschaft, aber manche Freundschaften sind nicht dafür bestimmt, ein Leben lang zu halten.

WENN ES UM DIE FRAGE NACH ANGST UND POLITIK GEHT

Ich könnte es nicht besser schreiben als es die NEON-Redakteure bereits getan haben, deswegen lege ich euch zum Abschluss noch folgenden Artikel ans Herz: „Die Schlagzeilen von Flucht und Terror drängen sich in unsere Freundschaften. Bis vor Kurzem war Weltpolitik weit weg, jetzt ist sie ganz nah. Wir müssen neu streiten lernen, Verletzungen aushalten, Vergeben können.“


Du hast Fragen an mich oder generell Fragen, die du sonst niemandem stellen kannst? Dann immer her damit und mach mit beim Fragen-Freitag! Schreib mir eine E-Mail an kontakt@lilakey.de oder hinterlasse gerne einen Kommentar. Ich werde mich bemühen, jede Frage  einzubinden. Fordere mich heraus und mach mit beim #FragenFreitag!

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2 comments

Jenny März 25, 2017 at 11:46 am

Liebe Laura,
ich danke dir für diesen erfrischenden Beitrag. Und entschuldige mich dafür, dass ich erst jetzt zum Lesen gekommen bin. Vielen Dank für die Aufnahme meiner Frage. Besonders manche Aspekte, die du behandelt hast, haben mich zum Nachdenken gebracht. Vor allem:“und keine Toleranz mehr kennen, ist für mich die Grenze.“ Genau so und nicht anders. Besonders zum Nachdenken hat mich jedoch der Satz gebracht: „manche Freundschaften sind nicht dafür bestimmt ein Leben lang zu halten.“ Da bleibt es einem doch nur selbst überlassen zu entscheiden, wie viel Politik man in der Freundschaft möchte, wie tolerant man ist und wo die einzelnen Grenzen sind, aber diese Fragen muss man sich dann stellen. Die Entscheidung kann einem niemand abnehmen. Das hat dein Beitrag mir klar gemacht. Danke für diesen Beitrag. Mach weiter so.
Alles Liebe, deine Fragestellerin.

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Jenny März 25, 2017 at 11:40 am

Liebe Laura, herzlichen Dank für diesen erfrischenden Beitrag. Da gab es ein paar Gedanken, die hatte ich noch nicht, bzw. hatten sie sich noch nicht verfestigt. Besonders der Satz „und keine Toleranz mehr kennen, genau da ist für mich die Grenze.“ Absolut so ist es. Vor allem am Schluss, der Satz „manche Freundschaften sind nicht dafür bestimmt ein Leben lang zu halten.“ Trifft es ziemlich gut. Letztendlich muss man sich ja die Frage stellen: wie viel Politik will ich in der Freundschaft bzw. Wie tolerant bin ich? Und wo ist die Grenze. Ich danke dir für diesen Beitrag. Herrlich geschrieben, wie alle deine Beiträge.
Entschuldige bitte, dass ich erst jetzt zum Lesen gekommen bin.
Mach weiter so. Danke für die Aufnahme der Frage
Deine Fragenstellerin, Jenny

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