„Wie ungeduldig“ „Sehr!“ „…sind Sie?“

Mai 24, 2017
ungeduldig
EINE MEINER ELEMENTARSTEN EIGENSCHAFTEN: DIE UNGEDULD

Ungeduldig zu sein, ist mein Lebenselixier. Ich will alles und das jetzt sofort. Wenn meine Freunde mich beschreiben müssten, ist dies das erste Wort, was ihnen zu mir einfällt. „Ich will das jetzt!“ und „Ach, hätte ich endlich nur das auch schon erledigt“ und „Wann kann ich endlich…“ sind Worte, mit denen man nur zu Hauf in Gesprächen mit mir konfrontiert wird. Meine Versuche, diese Eigenschaft ins Positive zu drehen und zu rechtfertigen, laufen dann zumeist ins Leere: „Es ist die Ungeduld, die mich antreibt und mir zu den bedeutenden Meilensteinen in meinem Leben verhilft!“ Nun, das stimmt nur zum Teil.

UNGEDULD IST KEINE TUGEND

Zumindest ist das der Konsens unserer Gesellschaft. Ungeduldige Menschen sind nicht ruhig, nicht durchdacht, sondern verbreiten Panik und sind wahnsinnig anstrengend. Zunehmend irrational. In ihrer Rage werfen sie mit Worten um sich, die sie später vielleicht bereuen könnten. Für mich bedeutet dieser Zustand wahnsinnige Enge, man blickt durch einen endlosen Tunnel, sieht das Licht am Ende, rennt und rennt und kann es dennoch einfach nicht erreichen.

Ich vergleiche mich oft und gern mit einem kleinen Kind, was sich auf den Boden des örtlichen  Supermarktes legt und schreit, weil es seine heißgeliebten Süßigkeiten will. Vielleicht, weil ich einmal dieses kleine Kind war. Es sieht nicht, dass es später vielleicht noch welche bekäme, wenn es doch bloß nicht so viel schreien würde. Damals wirklich noch sehr jung und am Heulen, doch meine Mutter stieg einfach über mich hinweg. Als eine Frau sie fragte, ob das schreiende Kind dort nicht zu ihr gehöre, antwortete meine Mutter nur kurz angebunden: „Meine Tochter würde so etwas nicht tun.“ Verwirrt und etwas reumütig sammelte ich mich und schaute meiner Mutter mit tränenverschmierten großen Augen ins Gesicht. „Mama?“, fragte ich noch. Seitdem hat sich in mancherlei Hinsicht nicht wirklich viel verändert.

Zwar fange ich nicht sofort das Heulen und Schreien an, falls sich ein Herzenswunsch nicht sofort erfüllt, dennoch verwandele ich mich in einen sehr unangenehmen Zeitgenossen. Ein Nervenbündel, was sich ständig über den Status Quo beschwert. Und wenn ich dann feststelle, wie unglaublich kindisch ich mich gerade verhalte, klopft das schlechte Gewissen an die Tür und zollt seinen Tribut. Ich will schließlich zu den Machern gehören. Die Dinge in die Tat umsetzen, statt ständig nur darüber zu reden. Ich will aber auch sofort Resultate sehen. Wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

DIE KUNST: NEGATIVE EIGENSCHAFTEN INS POSITIVE VERWANDELN

Die Ungeduldige in mir sollte bestenfalls nicht noch Nahrung finden und gefüttert werden. Schon gar nicht mit Panik. Denn die bleibt meist nicht weit, wenn ich ein paar Tage lang herumstreune und mir mein Leben mal wieder nicht zu passen scheint. In solchen Zeiten vermag ich keine ruhige Minute mehr zuzulassen. Ich verbringe mein Tage durchgetaktet, keine Sekunde Platz für Freiheit der Gedanken. Logische Konsequenz: Irgendwann ist es genug, zu viel, man wird gelähmt. Bis man sich in Embryohaltung ins Bett verkriecht und die ganze Welt verflucht. Herzlich Willkommen in der Negativspirale.

1. KLEINE MEILENSTEINE STECKEN

Ungeduld zeichnet sich öfters auch daraus ab, dass wir viel zu großen Zielen hinterherrennen und dabei völlig außer Acht lassen, was wir bisher erreicht haben. Wir sollten uns und unseren Lebenslauf öfters mal feiern! Dabei sind kleine Meilensteine genauso wichtig, wie die ganz großen. Aus den großen Zielen schöpfen wir Inspiration und Motivation (das Nachher-Foto, der Abschluss, jede Art von Neubeginn), aber die kleinen sind es, die uns die nötige Kraft schenken und Disziplin geben, um bis zum Ende durchzuhalten (die ersten 10 km, gute Noten in Klausuren, die gepackten Umzugskartons, etc).

2. FREUNDE UND FAMILIE ALS PING-PONG-PARTNER NUTZEN

Manchmal will man sich einfach nur auskotzen. Dafür sind Freunde und Familie schließlich da – um sich mal so richtig schön aufzuregen. Irgendwann muss aber auch endlich gut sein. Reden tut gut, die Dinge anzupacken aber meist noch viel besser! Sind die kleinen Meilensteine erst einmal definiert, lassen sie sich auch viel leichter in die Tat umsetzen. Mithilfe von guten Gesprächen lässt es sich äußerst gut reflektieren, wie weit man schon gekommen ist oder was vielleicht noch fehlt, um aus der Misere wieder herauszukommen. Auch neue Blickwinkel auf die eigenen kleinen Abenteuer bringen einen schneller ans Ziel.

3. SELBSTKRITIK ÜBEN, ES ABER NICHT ÜBERTREIBEN

Ich liebe selbstkritische Menschen! Die sich selbst hinterfragen, eben auch mal innehalten und ihren Weg hinterfragen, den sie gerade gehen. Ich reflektiere und besinne jedoch meist zu viel über mein Leben. Was mich immer wieder in die Misere stürzt, es ändern zu wollen. Dann werde ich wieder mit meiner Angst konfrontiert, nicht in die Norm zu passen. Es lähmt mich. Was von außen betrachtet, völliger Quatsch ist. Deswegen ist es gut für mich, auch mal verrückte Dinge zu tun. Nackt in einen See springen, ein Flugzeugticket an einem scheinbar unpassenden Zeitpunkt zu buchen oder den Job zu kündigen. Alles schon passiert. Und obwohl es erst so aussah, als würde ich mit diesen Taten große Umwege gehen, brachten sie mich doch immer zu ganz neuen Abenteuern, neuen Zielen und damit näher zu mir selbst.


Pullover | H&M
Uhr | Oozoo

Mehr Lesefutter

Leave a Comment

*