Eine passende Headline hierfür gibt es nicht.

Juni 13, 2017
SCHIEßEREI IN UNTERFÖHRING. UND MEIN HIRN VERMAG NICHT MEHR AUFZUNEHMEN.

HINWEIS: Der folgende Text schildert meine Gedanken/Gefühle an dem Tag der Schießerei in Unterföhring am 13. Juni 2017. Ich möchte deutlich betonen, dass ich glücklicherweise eine S-Bahn später losfuhr und damit nicht unmittelbar am Ort des Geschehens war. Meine Anteilnahme gilt allen Betroffenen von Gewalttaten und besonders denen, die diese oder andere schreckliche Ereignisse miterleben mussten. Ich veröffentliche diesen Text, weil es meine ganz persönliche Art ist, mit diesem Erlebnis umzugehen. Dies bitte ich nachdrücklich zu respektieren. Vielen Dank an dieser Stelle für zahlreiche mitfühlende und kraftspendende Kommentare und Nachrichten von vielen von euch. 


Während ich diese Zeile verfasse, läuft im Hintergrund leise „Alive“ von Sia. Alive. Das ist es, was ich und Gottseidank so viele andere an diesem Tag sind. Trotzdem – für viele wird der 13. Juni 2017 traumatisierend sein.

An diesem Morgen würde ich meine S-Bahn verpassen und rückblickend könnte ich nicht glücklicher darüber sein. Denn eine Bahn zuvor würde noch mehr Tränen und Unverständnis bedeuten. Pure Angst. An diesem Morgen werden mehrere Menschen schwer verletzt, unter ihnen eine 26-jährige Polizistin. Mindestens 200 Leute werden mehr oder minder Zeuge einer Auseinandersetzung zweier Männer, die in höchstem Maße eskaliert. Ein Gerangel zwischen ihnen entsteht, ein Mann greift sich die Waffe eines Polizisten und schießt um sich (Anm.: Details zum genauen Tathergang sind bei Erstellung dieses Textes noch nicht bekannt). Mitten in Unterföhring. Unmittelbar neben der Arbeitsstätte von vielen tausend Menschen, hunderte von ihnen auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz. Ich irgendwie mitten drin – auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz.

MIR GEHT ES GUT – BITTE MELDET EUCH

Ich sitze in der Bahn, während mich die grausame Nachricht erreicht. Ab dem Zeitpunkt will mein Handy nicht mehr stillstehen. Arbeitskollegen fragen untereinander, ob es allen gut geht, jemand verletzt ist oder neue Informationen hat. Ich kann gerade noch ein „alles ok“ abschicken – dann ist der Akku alle. Wir stranden in Johanneskirchen, eine Station vor Unterföhring. Allen Anwesenden ist die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Wir warten auf neue Informationen, ich suche verzweifelt nach meinen Kollegen. Irgendwo hier müssen sie auch sein. Zu dem Zeitpunkt weiß ich schon, dass sich etwa 200 Leute auf den Boden Unterföhrings gelegt haben. Einer Polizistin in den Kopf geschossen wurde.

Meine Kollegen finde ich, alle sind froh, dass es uns gut geht. Ab jetzt setzt der leichte Schock langsam ein. Alte Bilder tauchen vor meinem Gesicht auf: Verschwundenes Mädchen, große Männer in Polizeimontur, Taucher, die nach ihr suchen, sie Tage später erst finden. Eine andere Szene grätscht sich davor: Die Waffe im Holster, den Angreifer im Visier, Schreie. Ich versuche, alles abzuschütteln. Es gelingt mir nicht. Also entferne ich mich von der Gruppe, hocke mich ins Gras und versuche, nicht zu brechen.

ICH SPRECHE DARÜBER SO DEUTLICH, UM MEINER ÜBELKEIT ZU ENTKOMMEN. DAS UNVERSTÄNDNIS ABZUSCHÜTTELN.

Ich selbst war nicht vor Ort. Das ist erstmal eine sachliche Information. Doch dort schwingt auch leichter Vorwurf mit. „Du warst nicht da, du hast es nicht gesehen, du kannst es nicht verstehen.“ Anteilnahme ist okay, doch darüber zu sprechen, was passiert ist und wie es einem jetzt geht, wird denjenigen vorbehalten, die wirklich Augenzeuge des Geschehens geworden sind. Leute wie ich, die halb dabei und doch irgendwie zu weit entfernt sind, haben nach der Meinung einiger „kein Recht“ neben sich zu stehen, geschockt oder traurig zu sein. Im Gegenteil – man erwartet von ihnen, Haltung zu bewahren und bloß kein Drama draus zu machen.

Ich kenne viele, die da waren. Ich fühle mit. Mir geht es bei weitem nicht so schlecht, wie einigen Augenzeugen oder Betroffen, leicht runterschlucken kann ich das Ereignis dennoch nicht. Also erlaube ich mir den Schock und lasse alte Wunden zu. Bewältige sie mit Anteilnahme. Und vielen vielen Umarmungen.

*Das Foto ist nicht in Unterföhring aufgenommen worden. Es entstand zu einem späteren Zeitpunkt. 

Mehr Lesefutter

Leave a Comment

*