Ich zerbreche an einem Mann, der schwächer ist als ich

Februar 1, 2017

Ihr denkt, das wäre nicht möglich? Ihr denkt, ich sollte doch nur ein kleines bisschen stärker sein? Stellt euch vor, ihr würdet mit all eurer Stärke auf einem gefrorenen See stehen. Das Eis bricht, es ist nicht stark genug, euch weiter zu tragen. Also geht ihr mit ihm unter. Es ist ganz egal, wie stark ihr seid oder wie schnell ihr fortrennt, das Eis bricht schneller. Langsam spürt ihr die Kälte, sie kriecht in eure Glieder, lässt euch bewegungslos zurück. Ihr strampelt, letzte, verzweifelte Versuche, euch in Sicherheit zu bringen – aber die Kälte hat euch doch längst schon fest im Griff.

Ich bin nicht weiter Herr über meine Emotionen und noch weniger der meiner Gedanken. Ich weiß, was alles im Argen ist, aber mir fehlt die Kraft, es anzugehen. Ich bin meiner Gefühle überfordert. Eine Auszeit wird’s doch hoffentlich schon richten.

LAUFEN ALS THERAPIE

Ich weinte, viel, laut und schmutzig. Mit Schnodder in der Nase und verschmiertem MakeUp. Ich hatte keine Ahnung, wieso alles so heftig über mir zusammenbrach. Gestern noch stopfte ich die Lücken und dachte, es würde ausreichen. Gestern noch dachte ich, es ginge schon alles irgendwie. Und heute frage ich mich wie.

Also habe ich die Laufschuhe geschnürt und bin wütend und tieftraurig dem Regen entgegen getreten. Denn da sieht man die Tränen schließlich nicht – richtig? Zumindest war das meine Hoffnung.

  1. Kilometer: Ich bin wertlos.
  2. Kilometer: Trittst nicht nur von einem Fuß auf den anderen, nein, du trittst auf der Stelle.
  3. Kilometer: Irgendwie muss es weiter gehen.
  4. Kilometer: ’til I collapse.
  5. Kilometer: Denn Sie wissen nicht, was Sie tun.
  6. Kilometer: Ich bin doch keine Maschine.
  7. Kilometer: Es wird besser.
  8. Kilometer: Auch wenn es zwickt und zwackt.
  9. Kilometer: Ich überstehe das.

Anfangs lief ich vor mir weg. Doch auf den letzten Kilometern holte ich mich selbst wieder ein. Klopfte mir auf die Schulter und sagte mir, es würde schon irgendwie gehen. Natürlich habe ich mir das bereits vor dem Laufen schon gedacht. Der Unterschied liegt darin, dass ich es mir nun glaubte.

JEDER SCHLEPPT SO SEINE PÄCKCHEN.

DER EINE MIT LAUTEM GESTÖHNE. DER ANDERE MIT ZUSAMMENGEBISSENEN ZÄHNEN.

Wir selbst entscheiden, welcher jemand wir sein möchten. Das obige Video habe ich bereits vor einer Woche abgedreht. Ohne auch nur zu ahnen, wie nötig ich meine eigenen Worte haben würde. Ohne zu wissen, welchen Effekt es auf mich haben würde. Ich muss aufhören, traurig zu sein, zu meckern und weder ein noch aus zu wissen. Ich muss anfangen, zuzulassen, dass nicht immer alles supertoll sein kann. Ich muss einsehen, dass ich dem Ziel noch lange nicht nah bin – und dass das OKAY ist.

Dennoch: Ich brauche eine Auszeit. Von mir, von meinen Gedanken, meinen verdammten Selbstzweifeln. Aber wie stellt man es an, von sich selbst Urlaub zu machen? Wie stellt man das Gedankenkarussell ab?

lila KEY lila KEY

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10 comments

Lisa Februar 5, 2017 at 12:58 pm

Amen! Mehr kann ich zu deinem Video gar nicht sagen!
Dieses gegenseitige Überbieten mit schrecklichen Geschichten beobachte ich in letzter Zeit auch immer häufiger. Und ich versuche mich immer öfter davon frei zu machen und solche Menschen gar nicht mehr so in mein Leben zu lassen. Das macht nur leider zur Zeit ganz schön einsam, weil das anscheinend wirklich in Mode ist.
„Mir geht es so schrecklich, ich muss so viel Arbeiten und wenn ich nicht arbeite, ist es dunkel und kalt und ich esse zu viel und muss zu viel in der Wohnung machen, was ich dann aber eigentlich auch nicht schaffe, weil ich so viel zu tun habe.“

Letzte Woche hatte ich auch so eine Phase – zum Glück habe ich den pragmatischsten Freund auf der Welt, der mir dann mit „was hast du denn, dir geht es doch gut?“ kommt. In dem Moment eigentlich nicht das was man hören möchte, aber hilfreich.

Bei mir hilft übrigens Zeit mit Tieren, um das Gedankenkarussel zu stoppen – in dem Sinne, ich geh jetzt zum Pferd 😉

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Laura Februar 9, 2017 at 10:49 am

Liebe Lisa,
danke danke danke für deinen tollen Kommentar! <3

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Tam Februar 3, 2017 at 1:33 pm

Hey, ich dachte gerade ich lese Zeilen über mich. Unglaublich!! Ich habe das Thema auch gerade aufgegriffen, denn sich aus bestimmter sorry SCH**** wieder herauszuziehen ist so schwer und laufen ist echt die beste Medizin. Sobald man sich aufgerafft hat und die ersten KM übersteht steigt das Selbstvertrauen. Würde mich freuen, wenn du mal bei mir vorbei schaust https://changeyourlife365blog.wordpress.com/2017/01/25/tag-25-lauf-dich-fit/

Alles Liebe Tam

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Laura Februar 3, 2017 at 1:53 pm

1 Jahr, 1 Selbstversuch – klasse Experiment! Ich werd auf jeden Fall bei deiner Reise reinschauen 🙂
Danke für deine lieben Worte und viel Erfolg und vor allem Spaß weiterhin. #laufenistkostenlos – tolle Worte.

Lieben Gruß, Laura

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Robert Februar 3, 2017 at 11:33 am

Ich denke, man muss es sich klar machen, dass es jedem so geht. Auch sollte man sich einmal aus der Vogelperspektive betrachten und schauen, mit was bin ich glücklich und mit was nicht. Was kann ich besser machen und bei was steigere ich mich in etwas rein usw … Und Humor, Humor ist ganz wichtig! 🙂

Wenn gar nichts mehr hilft, am Freitag auspowern und das ganze Wochenende verschlafen und sich nicht dafür schämen oder rechtfertigen 😀

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Laura Februar 3, 2017 at 2:01 pm

Danke für deine Worte, Robert! Auf das Wochenende freue ich mich immer am meisten. Unter der Woche durchhalten lautet die Devise 🙂

LG Laura

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Sascha Februar 3, 2017 at 9:00 am

„Aber wie stellt man es an, von sich selbst Urlaub zu machen? Wie stellt man das Gedankenkarussell ab?“

Gute Fragen. Ich kann sie für mich tatsächlich mit „geh Laufen“ beantworten, denn irgendwann komme ich beim Laufen immer an einen Punkt an dem ich an nichts mehr denke und mich einfach treiben lasse. Wenn sich so zwar keine Probleme lösen lassen, gibt es mir wenigstens die Möglichkeit sie aus einem anderen, deutlich enspannteren Blickwinkel zu betrachten und oft sind die Probleme dann gar nicht mehr so bedrohlich.

Gruß
Sascha

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Laura Februar 3, 2017 at 9:14 am

Danke Sascha! So versuche ich es momentan auch – Gedanken rennen, ich renne. Der Kopf entspannt sich nach einer Zeit und ist nach dem laufen ganz ruhig. Und dann geht das Spiel wieder von vorne los. Immer weiter machen, irgendwann wird es besser. Hoffentlich 🙂

LG Laura

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Claudia Februar 2, 2017 at 9:11 am

Wow…du hast es mit deinen Worten unglaublich gut auf den Punkt gebracht wie ich mich gerade fühle… Ich glaube ich versuche es auch mal mit Laufen als Therapie. Vielleicht entkommt man ja so mal kurz dem Gedankenkarussel…

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Laura Februar 2, 2017 at 9:16 am

Liebe Claudia,
mir hilft das Laufen momentan sehr. Wenn ich diese Zeilen schreibe, könnte ich direkt wieder losrennen. Und danke, für dein Kompliment!
Lieben Gruß,
Laura

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