Kannst du diejenige sein, die ich nie für ihn sein konnte?

April 30, 2017
Fremde
WENN AUS FREMDEN, FREUNDE, GELIEBTE UND WIEDER FREMDE WERDEN

Was bleibt, ist die Erinnerung. Gefangen in dieser Stadt für exakt 45 Minuten, sind meine Gedanken immer noch die gleichen: Was er wohl gerade tut? Wie es ihm wohl geht? Ob er glücklich bist? 4 Jahre sind vergangen und trotzdem bleibt Göttingen für mich schwieriges Terrain. Gerade nur kurz hier, auf Durchreise, mein Aufenthalt auf den Bahnhof beschränkt, diese Studentenstadt erinnert mich mein Leben lag an ihn. An sein wundervolles Haar, seine unglaublichen Augen und diesem einen Geruch, der mich jedes Mal umgehauen hat. Sie erinnert mich an den vielen Streit, den wir hatten, an unser erstes Date und seine Männerbude, die wir gemeinsam einrichteten.

Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Der Kontakt bereits vor Jahren eingeschlafen, zu viel Verletzung und Schmerz standen im Weg. Also schüttele ich sie ab. Laufe den menschenleeren Bahnhof auf und ab, versuche, an irgendwas anderes zu denken. Bis du dich schließlich in meine Gedanken schiebst.

Mit deiner Hand fährst du ihm wohl gerade durch das Haar, so wie ich es einst tat und mit deinem Wesen hast du ihn hoffentlich eingenommen, ganz so wie ich es damals tat.

Vor Jahren habe ich dich kennengelernt, meine Nachfolgerin. Überrumpelt und überrascht wurdet ihr von meinem Besuch, seine letzten Sachen hatte ich ihm gebracht und gehofft, ich würde nicht ins Haus eingeladen. Doch sein Vater war erfreut und bat mich hinein. Wie konnte ich denn da auch „Nein“ sagen? Kurzer Smalltalk, euch geht es gut, ich ziehe in die große, weite Welt, raus aus diesem Nest. Sein Vater vermutete euch schlafend, also drehte ich mich endlich um, und ging. Doch in diesem Moment öffnete er die Tür und unsere Blicke trafen sich. Sein Gesichtsausdruck war göttlich, es amüsiert mich bis heute. Dann schlichst du dich durch die Tür, die Verwirrung war dir ins Gesicht geschrieben.

Weiterer Smalltalk, er stellte dich mir nicht vor. Also machte ich einen Schritt auf dich zu, was dich sichtlich einschüchterte. Hey, du bist seine Auserwählte, lass dich nicht so unterkriegen. Eigentlich könntest du hier mit Stolz an seiner Seite stehen, immerhin bist du die Gegenwart und ich nur die Vergangenheit. Aber in diesem Moment trennen euch einige Meter Abstand. Zu viele. Und er steht mir zu nah. Wir unterhalten uns und du stehst irgendwie Abseits. „Es ist Zeit, zu gehen“, sage ich noch, um uns alle hieraus zu befreien.

Nein, wirklich, ich hasse diese Stadt. Unsere Geschichte ist vorbei, auch wenn vieles Unausgesprochen bleibt. Ich bin weitergezogen und habe jemanden Unglaubliches kennengelernt, also will ich diesen Schmerz endlich hinter mir lassen. Doch diese Stadt stellt Fragen. Ob ihr noch zusammen seid? Ob er endlich das gefunden hat, was seine Traurigkeit bekämpft? Tust du ihm gut?

Ich will es hoffen. Ich möchte daran glauben, dass du ihn verzaubert hast. Du bist eine Fremde für mich und unser Moment war viel zu kurz, zu verwirrend, um darüber zu befinden, ob es zwischen euch passt. Und wer bin ich auch, darüber ein Urteil zu fällen. Doch nur die Vergangenheit. Ich bin wie diese Stadt – ein Haufen Erinnerungen. Eine letzte Frage drängt die Stadt mir auf, bevor sich die Türen des IC schließen und ich Richtung Heimat fahre. Kannst du diejenige sein, dich ich nie für ihn sein konnte?

Letztens habe ich unser Foto gefunden, von mir und ihm. Das im Garten, unter dem Torbogen, Pflanzen hingen kraftvoll und in sattem Grün herab. Unsere Hände ineinander verschlungen, lächelten wir glücklich in die Kamera. Unsere Liebe ward für die Ewigkeit in diesem Moment eingefroren. Heute ist sie vergangen, er wieder ein Fremder für mich. Und der größte Triumph: Dieses Foto versetzt mir keinen Stich mehr.

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