Ein langer Tag

März 7, 2017
Erschöpfung
Erschöpfung pur

Der Kopf hängt schwer, die Glieder umso schwerer. Hast es dir eben auf dem Sofa bequem gemacht, es gerade noch geschafft, dir die Schuhe abzustreifen. Deine Jacke hängt quer über dem Stuhl, deine Tasche unachtsam in die Ecke geworfen. „Ein langer Tag“, nicht zu leugnen, pustest du dir eine Strähne von der Stirn.

Regentropfen hängen noch in deinen Haaren, vom Winde ganz verweht. Wischt dir mit einer Hand über das Gesicht, ohne an das ganze Make-Up zu denken. Nun sitzt du weiter apathisch da, mit deinen Waschbäraugen. Wer braucht schon Nasenringe, wenn er sie unter den Augen tragen kann?! „Ein anstrengender Tag“, nicht zu leugnen, wischt du dir das bisschen Erschöpfung von der Stirn.

Der Morgen fing ganz vielversprechend an. Es ist 5 Uhr morgens und du liegst seit einer halben Stunde hellwach in deinem Bett, von links nach rechts dich wälzend. Genießt dieses bisschen Stillstand, bevor der Tag seinen Tribut zollt. Das Leben so richtig losgeht. Gibst dich nur noch den letzten 5 Minuten dieser Trance hin. Bis das bisschen fiese Tristesse dich packt. „Das wird ein langer Tag“, nicht zu leugnen, seufzt du dein Tages-Mantra aus tiefstem Herzen.

Rollst dich schwer ans Ende deiner Bettkante und hängst dich kopfüber aus deinem gemütlichen Schutzbunker. Die Füße in die Höhe gestreckt, betrachtest du die Welt mit anderen Augen. Warum noch weiter strotzen? Greifst nach den Sternen, so fern, so nah. Es hilft nichts, der Tag fängt auch ganz ohne dich bereits schon an. Also gibst du dich ihm hin, „dem langen, anstrengenden Tag“, sagst du mit müden Augen.

In Gedanken an deine einstigen Träume robbst du ungeduldig ans Ende deines Sofas. Nichtsahnend welch schwere Erinnerungen dich gleich heimsuchen kommen. Denn deine Träume finden seit Jahren schon irgendwo zwischen „ich müsste noch“ und „ach hätte ich doch“ statt. Hast sie an den Nagel gehängt für ein kleines bisschen Sicherheit. Doch der Preis von Sicherheit ist und bleibt die ungeliebte und erschreckende Unsicherheit.

Mit einem tiefen Seufzer drehst du ihnen jetzt den Rücken zu, denn es wäre so viel schmerzhafter, zuzugeben, zu gestehen

Jeden einzelnen Tag überlebst du bis zum Abend hin, in Sehnsucht an deinen geliebten Schutzbunker. Willst dich einrollen, verstecken und alles federleicht von der Hand gehen lassen. Kann er dir doch schon seit langem nicht mehr das geben, was du so dringend brauchst. Ist Zuflucht und Hölle zu gleichen Teilen geworden, ein Fegefeuer seiner ganz eigenen Art. Bist Gefangener deiner eigenen kleinen Welt geworden, hallo, goldener Käfig, willkommen in meinem Heim. Hast schon immer die Flügel zum Fliegen ausgebreitet, den Mut für kleine Dinge als Antrieb, doch die Angst, die Erschöpfung, mein Herr, sie ist dein Tod. Langsam kriechend, mit feuchten, kalten Händen, sucht sie dich heim, bis dem Wahnsinn du verfällst.


Fotos | Sandra Niederlöhner
Bluse | H&M

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1 comment

"Wie ungeduldig" "Sehr!" "...sind Sie?" | lila KEY - Dein Lifestyleblog Mai 24, 2017 at 1:31 pm

[…] Gedanken. Logische Konsequenz: Irgendwann ist es genug, zu viel, man wird gelähmt. Bis man sich in Embryohaltung ins Bett verkriecht und die ganze Welt verflucht. Herzlich Willkommen in der […]

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