Wer war ich, bevor mir die Welt sagte, wer ich sein soll?

Januar 8, 2017
Was tun, wenn die Familie den eigenen Beruf nicht akzeptiert?

In unseren Zwanzigern stehen wir außerordentlich vielen Beurteilungen und Prüfungen gegenüber. Die Familie bombardiert uns bei gefühlt jedem großen Familientreffen, sei es einem Geburtstag, dem Weihnachtsessen oder sonst welchen Feiertagen auch immer, mit Fragen. Wohin es denn gehen soll, welchen Abschluss man anpeilt, ob man endlich den Partner fürs Leben gefunden hat? Und dieser Haarschnitt, „alle Mädchen sehen heutzutage gleich aus.“ Oder ob man das Tattoo wirklich nicht abwaschen kann und was man sich dabei gedacht hat.

Sobald wir diese halbwegs beantwortet haben (die Großtante wird einfach nie verstehen, dass man Medien mittlerweile studieren kann und was man danach eigentlich damit anfangen kann), erwarten uns bereits die gut gemeinten Ratschläge für ein besseres Leben. Weil sie selbst nicht ihren Traum leben konnten oder noch Optimierungspotenzial sehen. Auf ihre verdrehte Art und Weise meinen sie es gut. Doch unsere Antworten und Rechtfertigungen interessieren die Verwandtschaft meist mitnichten, wir sind zu kompliziert.

Dazu werden unsere Niederschläge und Erfolge regelmäßig in Relation mit anderen Familienmitgliedern oder noch besser – den Sprösslingen völlig fremder Bekannten – gesetzt. „Die Regina ist mittlerweile schon in ihrem 3. Master-Semester und du dümpelst immer noch irgendwo mit dem Rucksack bepackt in der Weltgeschichte rum!“, ist nicht zuletzt ein oft gesagter Satz. Er war lustig gemeint und doch ist die Sorge deutlich zu hören, aus dem Enkel würde am Ende des Tages ein (Über-)Lebenskünstler werden. Und irgendwie überleben wir auch dann solche Abende, Tischgespräche, Familientreffen. Nicken lächelnd alles Gesagte ab, spülen es bei einem köstlichen Glas Wein herunter. Zuhause dann verdrängen wir, schütteln alles ab und wollen uns nicht mehr erinnern. Sind genervt.

WENN DIR DEIN LEBEN GEFÄLLT, GENIESS ES UND LASS SIE REDEN

Nicht selten fangen wir an, uns zu hinterfragen: Haben die anderen recht? Hätte aus mir etwas besseres werden können? Dabei vergessen wir oft zu fragen: Was macht mich glücklich? Weiß ich nicht viel besser, was mir gut gelingt/liegt und was nicht? Und vielleicht die wichtigste aller Fragen: Wer warst du, bevor dir die Welt sagte, wer du sein sollst?

Ich plädiere dafür, sich nicht verbiegen zu lassen. Auch wenn es um die eigene Familie geht. Ratschläge sind gut, aber zu viele helfen uns auch nicht weiter. Am Ende des Tages wissen wir selbst, was gut für uns ist. Ja, aus mir ist letztlich keine Volljuristin oder Richterin geworden. Und das ist gut so. Immerhin lebe ich so das Leben, was ich mir selbst ausgesucht habe. Auch ich sitze regelmäßig nach Weihnachten abends in meinem Bett mit der Frage, was ich eigentlich aus meinem Leben gemacht habe. Schließlich trete ich im „Familienduell“ gegen Manager, Juristen, Ärzte, Lehrern Apotheker und Krankenschwestern an. Aber ich kann euch sagen: Ich habe viel erreicht und bin noch lange nicht am Ende. Die Familie sollte sich erst anfangen, Sorgen zu machen, wenn ich unglücklich bin.

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